Heike Wenig

 

 

 

 

 

Das Mädchen mit den Knöpfen

 

 

 

 

 

Maria stand am Fenster und schaute traurig hinüber zum Fluss. Vor ihr lag ein kleines Bündel mit den wenigen Habseligkeiten, die sie besaß. Nun würde sie die Wohnung, in der sie so lange zusammen mit ihrer Mutter gelebt hatte, verlassen. Ein tiefer Seufzer entfuhr ihr. Gerne ging sie nicht. Sie hatte sich ganz glücklich hier gefühlt in den engen, ärmlichen Räumen, die sie zu zweit mit den immer wieder wechselnden Partnern der Mutter geteilt hatten. Bis heute war es ihr Zuhause.

 

Ihren Vater hatte sie nie kennen gelernt. Sie erinnerte sich, früher, als sie noch klein war, hatte sie die Mutter mit Fragen bedrängt, wo denn ihr Papa sei. Alle Kinder in dem großen Mietshaus hatten Väter. Ihre Mutter hatte jedes Mal sehr heftig und ablehnend reagiert, so dass sie irgendwann mit dem Fragen aufgehört hatte. Normalerweise war ihre Mutter lieb zu ihr, auch wenn sie wenig Zeit für sie hatte. Tagsüber ging sie zum Arbeiten in eine große Fabrik und abends war sie mit ihren Freundinnen unterwegs. Sie sei ja noch so jung und wolle das Leben nicht verpassen, so hörte sie die Mutter oft zu anderen sagen.

 

Maria war es gewöhnt, allein zu sein. Zur Schule konnte sie oft nicht gehen, weil sie immer wieder einen quälenden Husten hatte, der sehr hartnäckig war. Deshalb hatte sie auch keine Freundinnen. Wenn die anderen Kinder draußen spielten und am Donauufer herumtobten, konnte sie nicht mithalten, weil die Kräfte sie schnell verließen.

 

Sie träumte oft von ihrer Großmutter, die weit entfernt in einem kleinen Dorf wohnte in einem kleinen Häuschen mit einem großen Garten. Als kleines Kind hatte sie die Oma einmal besuchen dürfen, nachdem sie wieder sehr krank gewesen war. Die Großmutter hatte damals gewollt, dass die kleine Maria bei ihr blieb, aber darauf wollte sich ihre Mutter nicht einlassen. Und Maria hing an der Mutter und wollte nicht von ihr getrennt sein.

 

Öfters brachte die Mutter nachts einen Gefährten mit nach Hause, der dann maches Mal über Wochen und Monate bei ihnen wohnen blieb. Die meisten waren lieb und freundlich zu Maria und sie war dann auch zufrieden, weil nun die Mutter abends zuhause blieb. Maria konnte sich  einreden, dass sie eine richtige Familie seien. Warum die Männer dann plötzlich wieder verschwanden, konnte sie nicht verstehen. Die Mutter sprach nicht darüber, wurde wieder sehr ruhelos und verschwand erneut jede Nacht, bis dann der nächste Mann auftauchte.

 

Maria war älter geworden. Kürzlich hatte sie ihren fünfzehnten Geburtstag begangen. Die Schule hatte sie abgeschlossen und ging nun jeden Tag hinüber zu der Knopffabrik, wo sie eine Arbeit gefunden hatte. Sie war zufrieden mit ihrem Los, aber zuhause gab es Probleme. Der neueste Partner der Mutter verhielt sich ihr gegenüber ganz anders als seine Vorgänger. Er blieb tagsüber zuhause und lungerte herum, kritisierte sie ständig, sie sei zu ungeschickt, zu faul und würde nicht genug Geld nach Hause bringen. Er beschwerte sich ständig bei ihrer Mutter über sie. Die Mutter nahm sie anfänglich noch in Schutz, aber dann hatte sie am folgenden Tag noch mehr unter ihm zu leiden.

 

Das Schlimmste war, dass er in der letzten Zeit seine Finger nicht von ihr lassen konnte. Er lauerte ihr im dunklen Flur auf und erschreckte sie damit, dass er sie küsste. Als sie sich darüber bei der Mutter beklagte, wurde diese sehr böse. So etwas wolle sie nicht hören, solche Lügen dürfe sie nicht erzählen.

 

Es kam aber immer öfters vor, dass der Freund der Mutter ihr nachstellte. Sie versuchte erneut, der Mutter darüber die Wahrzeit zu sagen, aber diesmal geriet die Mutter in solch eine Rage, dass sie völlig außer sich schrie: „Du missratene Tochter, verlass meine Wohnung. Ich lasse es nicht zu, dass du einen Keil zwischen meinen Freund und mich schiebst.“

 

Das war gestern passiert. Maria hatte heute auf der Arbeit gefragt, ob sie eine der Kammern, die dort leer standen, bewohnen dürfe, weil sie nicht wusste, wohin sie gehen sollte. Das hatte man ihr erlaubt und nun war sie bereit, ihr Zuhause zu verlassen. Vom Fenster aus konnte sie auf die kleine Knopffabrik schauen, die dort unten neben dem großen Mietshaus in einem barackenähnlichen Gebäude untergebracht war. Sie musste also nicht weit fortgehen. Sie schlug ihr dunkles Tuch um die Schultern, nahm ihr Bündel mit ihren Sachen in die Hand und verließ die Wohnung. Mit tränenverhangenem Blick stieg sie die vielen Treppenstufen hinunter. Ob sie wohl die Räume, in denen sie so viele Jahre gelebt hatte, noch einmal wieder sehen würde? Wie würde ihr Leben nun verlaufen?

 

Sie betrat das Fabrikgelände und öffnete die Tür zu ihrer Kammer mit dem Schlüssel, den ihr der Chef aus Mitleid mit dem jungen Mädchen gegeben hatte. Die Kammer war dunkel und kärglich eingerichtet, aber von einer wohligen Wärme durchzogen. Frieren würde sie hier nicht. Sie verteilte ihre wenigen Sachen, um den Raum etwas gemütlicher wirken zu lassen und stellte das einzige Foto von ihrer Großmutter, das sie besaß, auf den Spind neben dem Bett. Auf dem Bild saß ihre Großmutter auf einer Bank vor dem Haus, von blühenden Sträuchern umgeben. Maria wusste, was sie tun würde. Sie würde versuchen, so viel Geld wie möglich zu sparen und dann, wenn sie genügend zusammen hätte, zu ihrer Großmutter ziehen. Dort hätte sie wieder ein Zuhause. Da war sie sich ganz sicher.

 

Maria arbeitete sehr viel. Die Arbeit war nicht schwer. Die Knopfmaschine spuckte die gepressten Knöpfe in einen großen Korb. Dort mussten die Knöpfe per Hand sortiert und jeweils zehn Knöpfe auf ein kleines Pappquadrat mit einer Nadel befestigt werden. Bezahlt wurde nach Anzahl der fertig gestellten Pappkärtchen. Hier arbeiteten nur Frauen. Die Männer bedienten die Knopfmaschinen. Maria strengte sich sehr an und freute sich jeden Freitag über das verdiente Geld. Am Essen sparte sie sehr, weil sie doch so schnell wie möglich zu ihrer Großmutter fahren wollte.

 

Die Mutter, obwohl diese nebenan weiter wohnen blieb, sah sie nicht wieder. Diese hatte sich für ihren Freund entschieden und vergessen, dass sie eine Tochter hatte.

 

Nachts weinte Maria oft. Es ging ihr nicht gut. Auch der hartnäckige Husten war wieder da. Beim Arbeiten reizten die Dämpfe, die in den Räumen der Fabrik lagen, ihre Lunge. Auch in ihrer Kammer konnte sie die Dämpfe noch spüren. Sie wurde schwächer und schwächer und schaffte kaum noch das normale Arbeitspensum.

 

Der Chef, der schon immer ein wohlwollendes Auge auf Maria hatte, nahm sie eines Tages zur Seite und sagte: „Kind, so kann es nicht weiter gehen. Du bist viel zu krank zum Arbeiten. Kannst du nicht zu Verwandten gehen und dich dort wieder gesund pflegen lassen? Sie müssten auch einen Arzt für dich rufen. Ich verspreche Dir, dass Du wieder hier arbeiten kannst, sobald du gesund bist.“

 

Maria sah es ein. Sie konnte hier nicht bleiben. Erneut packte sie ihre wenigen Sachen zusammen und schlug sich ihr warmes Tuch um die Schultern. Ihr Chef hatte ihr heute Morgen von zuhause ein Proviantpaket zum Abschied mitgebracht und ihr den letzten Lohn ausgezahlt. Einen Taler hatte er noch drauf gelegt und ihr alles Gute gewünscht.

 

Sie machte sich auf den Weg zu ihrer Großmutter. Um Geld zu sparen, wollte sie zu Fuß dorthin. Sie lief auf der Uferstrasse an der Donau entlang. Sie kam nur langsam voran, weil sie sehr geschwächt war. Aber das Wetter war gut. Es war ein schöner Sommertag und wenn sie zu erschöpft war, ruhte sie sich auf dem satten Gras aus. Gegen den Durst pflückte sie sich Äpfel von den Bäumen, die auf den Uferwiesen standen. Angst hatte sie keine. Sie war erfüllt mit der Vorfreude, schon bald bei der Großmutter zu sein. Nachts suchte sie sich zum Schlafen eine Hütte, gefüllt mit Heu. 

 

Nach mehreren Tagen erreichte sie das Heimatdorf der Großmutter. Die letzten Meilen wurden ihr immer beschwerlicher. Die Hustenattacken schüttelten sie. Maria klopfte an die Tür und die Gro0mutter öffnete sofort. Sie war sehr erschrocken, als sie Maria derart abgezehrt und schwächlich vor sich. Nun ging alles sehr schnell- Sie packte das Mädchen in ein weiches, warmes Bett; der Doktor wurde gerufen. Als der alte Arzt kam und Maria gründlich untersuchte, schaute er mit traurigem Blick zur Großmutter und schüttelte nur den Kopf. „Viel zu spät“, murmelte er, „viel zu spät.“ Er schrieb ein hustenstillendes Mittel auf und empfahl der Großmutter, ihr eine gute Hühnersuppe als Kräftigungsmittel zu kochen. Beim Fortgehen versprach er, am nächsten Tag wieder zu kommen. Der Großmutter raunte er zu: „Schick nach dem Pfarrer.“

 

Maria war glücklich. So liebevoll umsorgt war sie noch nie in ihrem Leben gewesen. Die Oma war so gut zu ihr. Der Pfarrer, der abends noch hereinschaute, hatte mit ihr gebetet und sie gesegnet. Nun saß er zusammen mit der Großmutter an ihrem Bett und sie hörte das leise Gerede der beiden. Warum nur weinte die alte Frau. Es ging ihr doch schon viel besser. Der Husten hatte nachgelassen, die Brust schmerzte kaum noch und wenn sie die Augen schloss, sah sie ein warmes, glänzendes Licht am Horizont. Sie fühlte sich immer leichter, so als würde sie schweben. Mit einem tiefen Atemzug glitt sie langsam hinüber in das Licht.