Heike Wenig

 

 

 

 

 

Stich ins Herz

 

 

 

Jetzt war sie endlich wieder in Karlsruhe. Sie fühlte sich zuhause. Vor zehn Jahren hatte sie unfreiwillig die Stadt verlassen müssen. Als junge Ärztin hatte sie vier Jahre lang hier an den Städtischen Kliniken in der Chirurgie gearbeitet. Damals war sie sehr ehrgeizig gewesen, hatte eine Chirurgin werden wollen und ihre ganze Zeit dem Beruf gewidmet. Das war ihr nicht schwer gefallen. Sie hatte früh die Eltern verloren und war seitdem ganz auf sich allein gestellt gewesen. Männerbekanntschaften hatte sie stets vermieden, sie wollte nur ihr Ziel erreichen.

 

Dann, eines Tages, musste sie in der Ambulanz einen gut aussehenden Italiener eine Schnittwunde nähen. Er war sehr charmant, sprach gut Deutsch und unterhielt sie mit spaßigen Geschichten aus seiner Heimat. Als er um ein Treffen bat, lehnte sie es ab mit der Aussage, sie hätte viel zu viel Arbeit und deshalb keine Zeit für so etwas. Auffällig oft erschien er aber immer wieder in der Ambulanz, wenn sie Dienst hatte, mit banalen Beschwerden. Sie erfuhr, dass er bei seinem Cousin in einer Pizzeria an der Knielinger Allee arbeitete, also ganz in der Nähe der Kliniken. Er brachte auch hin und wieder eine Pizza mit, um sie zu bestechen. Sie nahm sie zwar an, verschenkte sie dann aber an die Krankenschwestern.

 

Eines Abends nach Dienstschluss tauchte er auf, als sie gerade die Klinikpforte verlassen wollte. Er bedrängte sie ganz aufgeregt, sie solle ihren Arztkoffer  aus ihrem Auto holen und mit ihm kommen. Es sei etwas ganz Schreckliches passiert. Sie tat, wie ihr geheißen. Er brachte sie zu seinem Auto, fuhr eine Weile durch Karlsruhe in ein Stadtteil, das ihr unbekannt vorkam und hielt schließlich vor einem heruntergekommenen Lagergebäude an. Er nahm ihr den Arztkoffer aus der Hand, hielt ihren Arm mit festem Griff und führte sie in das Innere des Gebäude, das nur schummrig beleuchtet war. „Hier,“ so heischte er sie an, „Hier kannst Du zeigen, was Du als Chirurgin so drauf hast.“ Er  zeigte auf einen Mann, der auf dem Boden lag und sich seinen Bauch hielt. Sie nahm seine Hände fort und blickte auf eine Schussverletzung kurz unterhalb des Nabels. „Der Mann gehört in ein Krankenhaus.“ Sagte sie. „Auf keinem Fall, das können wir uns nicht leisten. Du musst ihn versorgen. Beeil Dich, es gibt noch andere Verletzte.“  Sie zog sich ein Paar Handschuh über und begann, die Wunde zu versorgen. Gott sei Dank hatte sie alles in ihrem Arztkoffer, um kleine chirurgische Eingriffe vorzunehmen. Die Kugel war sehr oberflächlich stecken geblieben. Sie konnte sie entfernen und verschloss die Wundränder. Ob Verletzungen in der Tiefe bestanden, konnte sie an diesem Ort nicht feststellen. Sie konnte nur für den Mann hoffen, gab ihm eine Schmerzspritze und begab sich zu dem nächsten Verletzten. Hier handelte es sich um einen Streifschuss am Oberarm. Die restlichen Verletzungen hatten diverse Wunden, wahrscheinlich als Folge einer Messerstecherei.

 

Als sie mit den Wundversorgungen fertig war und alle mit entsprechenden Schmerzmitteln versorgt hatte, sagte sie demjenigen, der sie hier her gebracht hatte, das sie nun gehen würde, ergriff ihren Arztkoffer und wollte zur Tür. Er hielt sie am Arm fest und zischte:“ Du gehst auf keinen Fall. Du wirst hier noch gebraucht.“ Sie wies darauf hin, dass ihr Dienst im Krankenhaus bald anfing, versuchte, seinen Arm abzustreifen und spürte, wie ihr ein schmutziger Lappen vor Mund und Nase gepresst wurde. Dann verlor sie das Bewusstsein.

 

Als sie wieder zu sich kam, nahm sie wahr, wie sie so richtig durchgeschüttelt wurde. Sie schaute um sich und sah, dass sie auf einem Lastwagen lag, neben ihr alle Verletzten aus dem Lagerhaus. Der Italiener, den sie kannte, saß auf einem Stoffballen und beobachtete sie. „Es wird Zeit, dass Du wach wirst. Du musst die Verbände wechseln. Hier ist Dein Arztkoffer .“ Sie fragte, wo sie sei. „Das geht Dich nichts an. Wir mussten Dich mit uns nehmen, weil Du zu viel gesehen hattest und so ein Risiko für uns warst, hätten wir Dich gehen lassen. Außerdem brauchen wir zuhause einen Arzt. Da bist Du ein Nutzen für uns.“

 

Sie wollte zuerst nicht begreifen, was sie da hörte, erneuerte die Verbände und trank aus dem Becher, den er ihr reichte.

 

Sie wurde wieder sehr müde und schlief erneut ein. Das Ganze wiederholte sich mehrmals. Wenn sie wach war, musste sie sich um die Verletzten kümmern, dann bekam sie einen Schlaftrunk, der ihr aufgenötigt wurde. So überstand sie die mehrtägige Reise, deren Ziel ihr immer noch unbekannt war.

 

Endlich kamen sie an. Der Lastwagen hielt. Viele Personen halfen, die Verletzten heraus zu heben. Schließlich war sie mit dem Italiener allein. Er herrschte sie an: Nimm Deinen Arztkoffer und komm mit mir.“ Er führte sie in sein Haus und befahl ihr, im Wohnzimmer zu warten. Dann verschwand er. Sie sah sich um. Ihre Verzweiflung nahm zu. Was machte sie hier. Hoffentlich war es nur ein schlimmer Traum, aus dem sie bald aufwachte, um ihren Dienst im Krankenhaus anzutreten.  

 

Als der Italiener nach Stunden zurück kann, begleitet von einigen älteren Männern, wusste sie, dass es kein Traum war. Er sagte: “Hör mir genau zu. Es ist notwendig, dass ich Dich heirate. Nur so kann ich Dein Leben schützen. Der Alte hat mir sehr deutlich klar gemacht, die  dass ich Dich nicht hätte mitbringen dürfen, sondern Dich als Mitwisser hätte töten müssen. Die Heirat passt mir ganz und gar nicht, aber ich muss gehorchen. Und Du siehst ja auch ganz passabel aus.“

 

Es stellte sich heraus, dass die beiden älteren Herren sein Vater und der Bürgermeister waren. Dieser nahm die Trauung vor. Dann verließen die Beiden das Haus. :“Hör mir zu. Du wirst Deine ehelichen Pflichten ohne zu murren ausüben. Kochen brauchst Du nicht. Neben an wohnen meine Eltern und Mama kocht für uns alle.  Du wirst Dich um die Kranken in unserem Dorf kümmern. Dafür richte ich Dir ein Zimmer hier unten ein. Und ich will kein Wort des Widerstandes hören. Du hast mir zu gehorchen.“ Sie nickte stumm und ergab sie erst einmal ihrem Schicksal. Ihre persönlichen Papiere, die sie in ihrer Handtasche hatte, nahm er unter Verschluss.

 

Ihr Leben verlief eintönig. Tagsüber kamen die Kranken aus dem Dorf zu ihr. Der jüngere Bruder ihres Mannes war stets an ihrer Seite und begleitete sie auch auf ihren Hausbesuchen.. Er konnte gut Deutsch und übersetzte für sie. Allmählich lernte sie, Italienisch zu verstehen und auch zu sprechen. Sie bedeutete ihrem Schwager, dass sie nun seine Hilfe als Dolmetscher nicht mehr brauche und allein ihre Arbeit verrichten könne. Aber er blieb an ihrer Seite und sie musste einsehen, dass er von Anfang an nicht nur ihr Dolmetscher, sondern auch ihr Bewacher war. Nie war sie allein für sich. Immer hatte sie ein Familienmitglied als  Schatten neben sich. Sie resignierte und vergaß, Fluchtpläne zu schmieden, wie sie es anfänglich noch getan hatte.

 

Ihr Mann war oft wochenlang fort. Nie wusste sie, wo er sich aufhielt. Wenn er da war, verbrachte er die Abende mit seinen Brüdern und Cousins. Es wurde viel getrunken. Manchmal brachte er einen mit, der verletzt war und den sie dann nähen musste. Erklärungen bekam sie nicht. Nach neun Jahren, sie hatte ihr früheres Leben fast vergessen, wurde sie schwanger und bekam einen Sohn. Endlich hatte sie jemand, den sie lieben und umsorgen konnte. Leider war er ein richtiges Schreikind und ließ sich oft stundenlang nicht beruhigen. Solange ihr Mann fort war, war das kein Problem. Aber er war sehr stolz auf seinen Sohn und blieb nun öfters zuhause. Sie trug den Kleinen stundenlang mit sich herum und hoffte immer nur, dass er eingeschlafen war, bis ihr Mann nach Hause kam. Eines Nachts war das Schreien besonders intensiv und lange. Ihr Mann erschien ziemlich betrunken in der Küche, wo sie ihren Sohn gerade mit einem Fläschchen beruhigen wollte, riss ihr das Kind aus dem Arm und schüttelte solange, bis es verstummt war. „So macht man das,“ schrie er sie an und verließ die Küche. Sie hielt ihren toten Sohn in ihren Armen und etwas zerbrach in ihr.

 

Die nächste Zeit glitt wie im Nebel an ihr vorbei. Sie verrichtete automatisch ihre Arbeit mit den Kranken des Dorfes. Eines Nachts, als er schwankend nach Hause kam und kaum allein ins Schlafzimmer fand, war ihre Zeit gekommen. Sie eilte in die Küche, ergriff ein schmales, spitzes Messer und betrat das Schlafzimmer. Kurz betrachtete sie ihren schnarchenden Mann und stieß dann mit aller Macht das Messer in seinen Brustkorb, dort, wo das Herz war. Sie ergriff den Schlüsselbund in seiner Hosentasche, eilte in das Wohnzimmer und öffnete Den alten Sekretär. Richtig, dort lag ihr alter Personalausweis und ganz viel Geld in kleinen Bündeln. Sie stopfte alles in die Sporttasche, wo sie bereits einige wenige Anziehsachen reingelegt hatte, warf ihren schwarzen Mantel über und verließ das Haus. Sie wanderte in der Dunkelheit die Straße entlang bis zu einem Parkplatz, wo, wie sie wusste, die  Lastwagen parkten, die auf die Fähre am nächsten Morgen warteten. Sie öffnete vorsichtig eine Plane und kroch darunter, wo sie sich stillverbarg.

 

Als der Lastwagen nach der Fährfahrt wieder auf einem Parkplatz anhielt und der Fahrer für kurze Zeit verschwand, verließ sie den Wagen und machte sich erneut zu Fuß auf den Weg. Sie wanderte bis zu einer Autobahn, die Richtung Norden ging und versuchte, per Anhalter eine Mitfahrgelegenheit zu finden. Und sie hatte Glück. Mehrmals wurde sie von freundlichen Menschen mitgenommen, zuletzt sogar von einem deutschen Ehepaar, das aus Karlsruhe kam.

 

Das war ein Wink des Himmels.

 

Nun war sie wieder in Karlsruhe. Zuerst hatte sie ein Zimmer in einer kleinen Pension in Durlach genommen, schnell aber ein kleines, preiswertes Apartment ganz in der Nähe der Städtischen Kliniken gefunden. Auf dem Einwohnermeldeamt war sie gewesen und hatte die Verlängerung ihre Personalausweises beantragt. Der Beamte hatte sie gescholten, weil der Ausweis abgelaufen war. Das würde eine Strafe kosten. Kein Problem. Geld hatte sie genug, leider alles in Lira. Sie machte sich die Mühe, jeden Tag bei einer anderen Bank etwas Geld zu tauschen. Ob mit dem Geld etwas nicht stimmte. Die Scheine waren alle neu und der Angestellte der Volksbank hatte das Geld heute ganz misstrauisch angeschaut. Es wurde Zeit, dass sie wieder selbst etwas verdiente. Sie wollte sehen, dass sie ihre Zeugnisse wieder zusammen bekam und sich dann an einem kleinen Krankenhaus bewerben. Das gab es genügend Möglichkeiten in der Umgebung von Karlsruhe. Sie war wie immer zu Fuß unterwegs, auf dem Klinikgelände nehmen. Da plötzlich spürte sie, wie sich jemand neben ihr bewegte. Sie wurde herum gerissen und schaute in das Gesicht des Cousin ihres Mannes. „Du sollst sterben, genau so wie mein Cousin durch Deine Hand gestorben ist, mit einem Stich ins Herz. Er stieß ihr eine spitzen Dolch in die Brust und verschwand.

 

Sie wusste, dass sie den Dolch nicht heraus ziehen durfte. Sie musste versuchen, die Klinik noch zu erreichen, bevor sie ohnmächtig wurde. Es schien zu klappen. Die Pforte der Städtischen Kliniken lag vor ihr. Sie schleppte sich mit letzten Kräften hin. Natürlich war sie abgeschlossen. Sie wusste, dass der Pförtner auf Klingeln herauskam. Sie versuchte, den Klingelknopf zu erreichen. Doch dazu reichte die Kraft nicht mehr. Sie fiel hin. Beim Fallen stieß sie das Messer noch tiefer in die Brust und verschied.